Die Mitropa Story

Vom DDR-Allerwelts-Geschirr zum Kultobjekt

„Wenn ich an die DDR denke, denke ich an Perlonschürzen und Mitropa-Geschirr aus Colditz. Das letztere ist die schönere Erinnerung“, sagt der Thüringer Keramikkünstler und Kurator Gunnar Jakobson mit einem Augenzwinkern.  Jakobson, der die Ausstellung zum Bauhaus-Jubiläum „Die neue Formenwelt“ verantwortet, die ab 1. April auf der Leuchtenburg (Thüringen) zu sehen sein wird, hat sich intensiv mit der Geschichte des legendären Colditzer Porzellans auseinandergesetzt. 

Die praktischen, stapelbaren Portionskännchen, Tassen und Teller waren allgegenwärtig in der DDR. Das Gastronomie-Porzellan, das unter der Bezeichnung „Mitropa-Geschirr“ Designgeschichte schrieb, eroberte nicht nur Hotels, Kantinen, Kultur- und Krankenhäuser, Ferienheime, sondern zählte auch zur sozialistischen Grundausstattung des SED-Zentralkomitees. Bekannt wurde es aber vor allem durch das Reiseversorgungs-Unternehmen MITROPA. In der DDR bewirtschaftete die MITROPA neben Speise- und Buffetwagen in Zügen auch zahlreiche Bahnhofsrestaurants, wo das praktische Geschirr mit der markanten, blauen Namensaufschrift seit Beginn der 1970er Jahre Generationen von Reisenden quer durch Europa begleitete.  

Weitaus weniger bekannt waren seine Erfinder. Entwickelt wurde das Hotelgeschirr 1969/70 von dem DDR-Designer-Duo Margarete Jahny und Erich Müller vom Berliner Formengestaltungsinstitut. Ab 1973 wurde es unter dem Namen „Rationell“ im Porzellanwerk Colditz hergestellt. Um der großen Nachfrage gerecht zu werden, kamen mit der Zeit weitere Produktionsstandorte, wie in Ilmenau, dazu. 

Einfach und genial – Der Trick mit dem Deckel

„In Funktion und Haptik ist das Geschirr ein Meisterwerk“, schwärmt Keramikmeister Jakobson. Mit seinem geringen Gewicht, seiner hohe Stabilität, seiner Stapelfähigkeit und besonderen Handhabung war das Porzellan optimal auf die Bedürfnisse der Gastronomie abgestimmt. Doch die eigentliche Sensation war der von Erich Müller ausgetüftelte, passgenaue Deckel der Portionskannen: diese geniale Designlösung erlaubte es, die Kanne mit nur einer Hand zu halten und den Inhalt bis zum letzten Tropfen auszugießen, ohne den Deckel dabei festhalten zu müssen. 

Einfach geklaut

Erstmals stellten Jahny und Müller ihre Innovation 1969 auf der Leipziger Messe vor, wo auch westdeutsche Handelsvertreter auf das Geschirr aufmerksam wurden. Da das Patenverfahren in der DDR jedoch äußerst langwierig war, kopierte der westdeutsche Konkurrent und Hotelporzellan-Hersteller Bauscher aus Weiden in der Oberpfalz kurzerhand die Deckellösung für sein neues Service und meldete das Patent an, das er kurze Zeit später dann auch erhielt. 

Dennoch: Designgeschichte schrieben Margarete Jahny und Erich Müller. Heute ist das Service „Rationell“ heiß begeht unter den Sammlern und hat schon längst weltweiten Kultstatus erreicht.  

Die ganze Mitropa-Geschichte ist ab 1. April in der in der Ausstellung „Die neue Formenwelt – Design des 20. Jahrhunderts aus der Sammlung Högermann“ in den Porzellanwelten Leuchtenburg in Thüringen zu sehen. Die große Schau zeigt im Bauhaus-Jahr Designer, Highlights und Geschichten rund um das Porzellan- und Produktdesign von 1930 bis 1980.   

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